Mary & Max - oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?
Welten trennen Mary, ein kleines Mädchen aus einer australischen Vorstadt, und Max, einen älteren, übergewichtigen Mann, der in New York lebt. Doch ihre Schicksale treffen sich in einem Punkt: Beide sind einsame Sonderlinge, die unter ihrer Isolation leiden. Im Fall von Mary ist ihr maroder sozialer Hintergrund schuld an ihrem Außenseiterdasein, bei dem aus Osteuropa stammenden Max das Asperger-Syndrom, das es ihm schwer macht, Kontakt zu anderen Menschen zu finden; hinzu kommen Ängste, die in der Erfahrung von Antisemitismus wurzeln. Ein glücklicher Zufall will es, dass Mary und Max Brieffreunde werden: Der Beginn eines Austauschs, der von gegenseitiger Neugier und der Sehnsucht nach Nähe getragen wird und über alle Unterschiede hinweg zur Basis einer jahrelangen Beziehung wird, die Höhen und Tiefen überlebt. Psychische Krankheiten, „prekäre“ familiäre Zustände, Alkoholismus, Diskriminierung: im Genre des Animationsfilms begegnet man solchen Themen eher selten. Dabei beweist die bittersüße Tragikomödie um zwei „Loser“, denen sich in der Freundschaft ein Ausblick in eine bessere Welt eröffnet, wie meisterhaft die „unrealistische“, verfremdende Knetfilmästhetik dazu genutzt werden kann, einen schweren Stoff in eine poetisch-eindringliche Form zu bringen: Das Figurendesign erweckt die Charaktere mit einer wunderbaren Mischung aus skurrilem Humor und großer Sensibilität zum Leben; die Stadtlandschaften und Interieurs werden als psychisch-soziale Räume zu ausdrucksstarken Mitspielern. In der Liebe zum Detail drückt sich eine respektvolle Zärtlichkeit gegenüber den Eigenheiten, „Macken“ und Verwundungen aus, die dem Leben erst seine einmalige Gestalt geben. Australien 2009 Regie: Adam Elliot Länge: 92 Min. Verleih: MFA+ Kinotipp der katholischen Filmkritik 203/August 2010 |